Die Malediven umhüllten uns mit Herzlichkeit
Es war 2018. Mein Mann war gerade völlig unerwartet an einem Gehirnaneurysma vestorben. Unsere Jungs waren gerade einmal 10 und 8 Jahre alt. Für 2019 hatten wir geplant ein Jahr lang um die Welt zu reisen.
Unsere Route war aus Reisemagazinen ausgeschnitten und kreativ auf unsere Schranktüren geklebt. Bunte Bilder von Machu Picchu, Landschaften und Städten, von denen wir über die Jahre geträumt hatten – ein endloser Sommer, verteilt auf vier Schranktüren.
Als Rob starb, wusste ich, dass ich unmöglich alleine nach Südamerika reisen würde, schon gar nicht mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Stattdessen überlegte ich, was wir denn machen könnten – nur zu dritt.
Schon seit Jahren wollte ich meinen Patenonkel auf den Kanarischen Inseln besuchen. Jetzt war der richtige Zeitpunkt gekommen. Er bot uns eines seiner Gästehäuser an, das er uns für ganze neun Tage zur Verfügung stellen konnte.
Ich freute mich aus vielerlei Gründen darauf. Ich wusste, dass ich mich bei ihm selbst in meiner verletzlichsten Phase geborgen fühlen würde. Wir wären bestens aufgehoben und würden dort den dringend benötigten emotionalen Rückhalt finden.
Wir hatten bereits eine recht gute Liste mit Orten und Ländern, die wir besuchen wollten. Ich fragte meine Söhne auch, ob es irgendetwas auf der ganzen Welt gäbe, das sie unbedingt sehen oder erleben wollten. Mein Ältester entschied sich, dass er gerne Schnecken in Paris essen wollte. Mein Gesicht erstarrte vor Ekel, und Frankreich wurde auf die Liste gesetzt. Naja, ich hatte schließlich gefragt, oder?
Die Daten, die mein Patenonkel uns anbot, ließen uns genau eine Woche vor unserem geplanten Abreisedatum. Was könnte nur unser allererster Stopp werden?
Also machte ich mich auf den Weg ins Reisebüro, um mir die große Weltkarte anzusehen. Mit meinem linken Zeigefinger fest auf La Palma gedrückt, und dem rechten auf Sydney, lehnte ich meinen Kopf etwas zurück um einen ungefähren Mittelpunkt zwischen den beiden Orten zu finden. „Malediven!“ rief ich begeistert aus.
Ich erinnerte mich daran, mit 25 dort gewesen zu sein und mir damals gedacht zu haben: „Wenn ich jemals wiederkomme, möchte ich unbedingt in einem Overwater-Bungalow wohnen!“
Es war der perfekte Ort wo wir uns von der Sanftheit der Insel umarmen lassen konnten, nach all der Härte, die wir durchlebt hatten. Das ideale erste Ziel auf unserer Reise rund um den Globus.
Unsere Reiseroute stand fest – und war im Angesicht dessen, was uns das Leben aufgetischt hatte, nahezu perfekt.
Sieben Länder in neun Wochen.
Wir schnorchelten auf den Malediven, wälzten uns im schwarzen Vulkansand auf den Kanarischen Inseln, bauten in Salzburg einen riesigen Schneedrachen, aßen Schnecken in Paris (igitt!), fuhren mit dem TGV nach Frankfurt und tanzten mit Alex dem Löwen in den Universal Studios auf Sentosa Island.
Ich erinner mich noch an einen besonders berührenden Moment auf den Malediven. Jeden Abend saßen wir an einem Tisch mit zwei Sesseln und einer kleinen Couch dazwischen, direkt am Meer. Wir hatten uns abgewechselt, damit jeder von uns einmal die bequeme Couch in der Mitte genießen konnte.
Am vierten Abend entschied sich mein Ältester dann für einen anderen Tisch, näher am Buffet. Das pflanzte ein Lächeln auf mein Gesicht. Er ist ein Feinschmecker, genau wie sein Papa. Mir fiel jedoch auf, dass der Tisch für vier Personen gedeckt war.
Die Jungs machten sich auf zum Buffet, und der Kellner kam, um das vierte Gedeck abzuräumen. Ich brach in Tränen aus. Es zerriss mich förmlich. Es machte es umso offensichtlicher, dass Rob eigentlich mit uns hätte dort sein sollen.
Unser junger, ausgesprochen liebenswürdiger Kellner war sichtlich verwirrt. Er hatte keine Ahnung, was gerade passiert war. Und irgendwie hatte ich das Bedürfnis, es ihm zu erklären. Ich erzählte ihm von Rob.
Seine Reaktion war sowas von warmherzig, liebevoll und von solchem Verständnis geprägt – wirklich bemerkenswert für einen erst 19-jährigen jungen Mann. Es löste eine Welle der Anteilnahme unter den Mitarbeitern aus.
Sie waren schon vorher unglaublich lieb zu uns gewesen. Doch von diesem Moment sind sie uns für den Rest unseres Aufenthalts kaum von der Seite gewichen. Sie unterhielten meine Jungs, zeigten ihnen, wie man aus Farnblättern kleine Tiere und Anhänger basteln kann, brachten sie zum Lachen und behandelten sie wie kleine Könige – oder besser gesagt, wie geliebte Familienmitglieder. Es war zutiefst berührend, das mitzuerleben.
Es fühlte sich an, als hätten sie einen Kokon um uns geschaffen, in dem wir uns sicher und geborgen fühlen konnten.
Drei Jahre vor Rob’s plötzlichem Tod hatten wir ein sehr tiefgehendes Gespräch über das „Was wäre, wenn …?“ Ein Gespräch das in meiner dunkelsten Stunde zu meinem Leuchtturm wurde. Aber ich habe unser Versprechen gehalten: Unseren Jungs das glücklichste Leben zu ermöglichen, falls einem von uns jemals etwas zustoßen sollte.
Und wer hätte gedacht, dass uns völlig fremde Menschen auf den Malediven ein solch herzliches Willkommen bereiten würden – eine Herzlichkeit, die weit über deren normale Gastfreundschaft hinausging.
Was für ein Einstieg in unseren neuen Lebensabschnitt.